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Der weibliche Weg – eine Erinnerung an das Wirken aus der Verbindung

 

Der weibliche Weg – eine Erinnerung

 

Ich möchte heute eine Geschichte mit euch teilen, die mir im Netz begegnet ist

und seitdem in mir nachklingt.

Sie passt für mich sehr in diese Zeit.
Und sie passt zu dem, was ich als den weiblichen Weg beschreibe:
einen Weg jenseits von Vergleich, Tempo und Selbstverausgabung

hin zu einer anderen Art zu wirken.

 

Lies sie langsam.
Nicht mit dem Kopf.
Lass sie wirken.

 

 

Die Geschichte der Weberin

 

 

Es war einmal eine Frau, die Stoffe webte.

 

Sie lebte in einem Haus am Flussrand und hatte einen großen Webstuhl in ihrer Stube. Die Menschen kamen von weit her, denn ihre Stoffe hatten etwas, das andere Stoffe nicht hatten. Sie hielten länger, die Farben verblassten nicht, und manche sagten, man könne etwas spüren, wenn man diese Stoffe trug.

 

Die Frau webte nach alten, überlieferten Mustern. Ihre Großmutter hatte es sie gelehrt. Sie kannte die Pflanzen für die Farben und die Lieder, die man beim Weben sang.

 

Doch eines Jahres begann sich etwas zu veränder und sie bemerkte es selbst zuerst kaum.

Im Nachbardorf eröffnete eine andere Weberin eine Werkstatt. Sie war größer, heller, moderner. Die Menschen gingen dorthin, schauten sich um. Diese Weberin webte schneller, hatte mehr Stoffe vorrätig, bot Workshops an und viele Besonderheiten.

 

Unsere Weberin sah, wie Menschen, die früher zu ihr gekommen waren, nun dort hingingen.
Und sie dachte: Ich muss mehr tun. Schneller werden. Mehr anbieten.

 

Sie begann länger zu arbeiten, webte bis in den Abend hinein, auch wenn das Licht schon schlecht war. Sie nahm jeden Auftrag an, auch wenn die Zeit knapp war. Für die alten Lieder beim Weben blieb keine Zeit mehr.

 

Die Menschen kamen und dankten ihr.
„Du schaffst so viel“, sagten sie. „Du bist so fleißig.“

Diese Worte füllten etwas in ihr, das sich leer angefühlt hatte.

 

Doch die Stoffe begannen sich zu verändern – erst kaum merklich. Die Farben waren nicht mehr so leuchtend, die Muster nicht mehr so klar. Manche Stoffe rissen nach einigen Monaten.

Einige Menschen gingen weiter zur neuen Weberin.


Die Angst in unserer Frau wuchs.
Sie webte noch mehr. Noch schneller.

 

Eines Morgens saß sie am Webstuhl, und ihre Hände zitterten. Sie konnte den Faden nicht mehr richtig greifen, die Farben verschwammen vor ihren Augen. Sie zwang sich weiterzumachen, doch ihre Hände gehorchten nicht mehr. Der Faden riss, immer wieder.

Tage vergingen. Wochen.


Sie konnte nicht mehr weben.

 

Die Menschen holten ihre unfertigen Stoffe ab und gingen zur anderen Weberin.
Sie saß allein vor dem leeren Webstuhl und dachte:
Ich bin nichts mehr wert. Mein Leben – umsonst.

 

Nach vielen Wochen kam eine Erinnerung.

Sie war ein Kind gewesen, vielleicht acht oder neun, und saß mit ihrer Großmutter am Webstuhl. Die Großmutter hatte ihre Hand auf den Stoff gelegt und gefragt:
„Spürst du das?“
„Was?“
„Wie der Stoff atmet. Wie die Farben leben. Das kommt nicht von deinen Händen allein. Das kommt von etwas Größerem.“

 

Damals hatte sie es nicht verstanden.
Jetzt begann sie es zu begreifen.

Sie stand auf und ging zum Fluss. Nicht um Pflanzen zu sammeln, einfach nur hinaus. Sie setzte sich ans Ufer und legte die Hände ins Wasser. Das Wasser war kalt und floss über ihre Finger.

 

Sie dachte:
Das Wasser fließt nicht, weil jemand es braucht.
Die Vögel singen nicht, um jemandem zu gefallen.
Sie sind einfach da.

Und plötzlich verstand sie:
Vielleicht muss auch sie nicht gebraucht werden, um da sein zu dürfen. Um leben zu dürfen. Um geliebt zu sein. Vielleicht reicht es, einfach zu sein.

 

Sie saß nun jeden Tag am Fluss. Manchmal eine Stunde, manchmal bis zum Abend.

Die Angst kam mit:
Was, wenn ich nie wieder weben kann? Was, wenn die Menschen mich vergessen haben?

Die Angst blieb.
Und sie blieb auch.

 

Langsam, sehr langsam, löste sich etwas in ihren Händen.

Nach einigen Monden setzte sie sich wieder an den Webstuhl. Sie nahm einen einzigen Faden und begann zu weben, langsam. Dabei sang sie die alten Lieder.

Der Stoff wuchs. Nicht schnell, aber lebendig. Die Farben leuchteten, die Muster waren klar.

 

Als er fertig war, brachte sie ihn zu einer alten Frau aus dem Dorf.
Diese strich über den Stoff und sagte:
„Das ist wie früher. Nein – es ist lebendiger als früher. Der Stoff leuchtet.“

 

Nicht alle Menschen kamen zurück. Manche blieben bei der anderen Weberin.
Doch andere warteten.

Sie nahm nur noch wenige Aufträge an. Manche Wochen webte sie gar nicht, saß nur am Fluss mit den Händen im Wasser.

 

Die, die warteten, wussten:
Wenn sie einen Stoff von ihr bekamen, war es der richtige Stoff zur richtigen Zeit – gewebt aus Verbindung, nicht aus Eile.

 

Eines Abends setzte sich eine junge Frau zu ihr.
„Ich möchte weben lernen“, sagte sie. „Kannst du es mir beibringen?“

Die Weberin fragte:
„Warum willst du weben?“

Die junge Frau zögerte.
„Ich möchte gut sein in etwas. Ich möchte, dass die Menschen mich schätzen.“

Die Weberin erkannte sich selbst darin und lächelte.

„Dann lerne zuerst etwas anderes“, sagte sie.
„Geh jeden Tag zum Fluss. Setz dich hin. Leg die Hände ins Wasser. Spür den Wind. Hör den Vögeln zu. Und irgendwann wirst du merken: Du bist glücklich. Einfach so. Ohne Lob. Ohne Bestätigung. Und wenn du das kennst – dann komm wieder. Dann bist du bereit zu lernen.“

Am nächsten Tag gingen sie gemeinsam zum Fluss.

 

 

Eine Erinnerung an den weiblichen Weg

 

Diese Geschichte handelt nicht von einer Weberin.


Sie handelt von uns.

Von Frauen, die aus Verbindung heraus wirken,
und irgendwann beginnen, sich zu vergleichen.
Schneller zu werden in Konkurenz zu gehen.
Sich anzupassen.

 

Aus der Angst heraus, sonst nicht mehr genug zu sein.

Die Hände der Weberin erstarren nicht aus Schwäche.
Sie erstarren aus Selbstverrat.

 

Und sie beginnen sich erst wieder zu lösen,
als sie aufhört, sich zu beweisen.

 

Der weibliche Weg ist kein Weg der Eile.
Er ist ein Weg der richtigen Zeit und des Wirkens aus dem Alleins.

 

Er erinnert uns daran, dass unser Wirken nicht aus Stress entsteht,
sondern aus Verbindung.

Nicht aus dem Wunsch, gebraucht zu werden, sondern aus dem Erlauben, zu sein.

 

Vielleicht beginnt Heilung genau dort:
wo wir aufhören, uns selbst zu verlassen
und wieder aus dem Ort wirken,
an dem wir ganz sind.