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Feb

2012

Tod im Mutterleib- der verlorene Zwilling

Artikel: Tod im Mutterleib

STERN - Artikel vom 15. Januar 2009 Zwillings-Trauma:

Tod im Mutterleib

Von Sylvie-Sophie Schindler

 

Vor der Geburt von Zwillingen können sich im Mutterleib wahre Dramen abspielen. Häufiger als angenommen stirbt ein Embryo, der andere überlebt. Die möglichen Folgen für das überlebende Kind: gestörtes Bindungsverhalten und ein erhöhtes Risiko für angeborene Krankheiten.

Zwillinge spüren bereits im Mutterleib, dass sie nicht alleine sind. Sie hören den Herzschlag des anderen und nehmen Kontakt zueinander auf. Was aber, wenn der Bruder oder die Schwester plötzlich nicht mehr da ist? Dass ein Zwillingskind bereits vor der Geburt stirbt, passiert häufiger als vermutet. Mediziner sprechen vom "Vanishing-Twin-Syndrom", dem "verlorenen Zwilling". Laut embryologischer Forschungen ist jede zwanzigste bis achte Schwangerschaft zu Beginn eine Mehrlingsschwangerschaft. Auch prominente Beispiele gibt es: der österreichische Sänger Falco war ein Überlebender von Drillingen und Elvis hatte einen älteren Zwillingsbruder, der bereits bei der Geburt tot war.

"Wenn ein Zwilling stirbt, lebt der andere mit der Kraft von beiden", heißt es. Andererseits sprechen Pränatalforscher von traumatischen Erfahrungen für den überlebenden Zwilling und Konsequenzen für sein späteres Bindungsverhalten. Das vorgeburtliche Drama soll auch mit einem erhöhten Risiko für angeborene Krankheiten verbunden sein. Unter anderem kann das Überlebende an Herz-, Hirn- oder Nierenschäden leiden. Durch die moderne Reproduktionsmedizin nimmt die Zahl der verlorenen Zwillinge sogar weiter zu.

Unentdeckte Zwillinge

"Das Schwierige an der Zwillingsgeschichte ist, dass sie meistens tief im Unbewussten schlummert", sagt Evelyne Steinemann, Trauma-Therapeutin aus Zürich. Die Mutter bemerke den Todeskampf inihrer Gebärmutter oft nicht. "Üblich ist bis heute, den Frauen erst im dritten Schwangerschaftsmonat die gesehene Mehrlingsschwangerschaft mitzuteilen, weil der zweite oder auch dritte Embryo vorher häufig verschwindet", sagt Steinemann. "Viele Ärzte wollen Schwangeren eventuelle Enttäuschungen ersparen." Doch häufig ahnt auch der Mediziner nichts. Bei Ultraschalluntersuchungen wird nichts von einem Abgang bemerkt, wenn der Verlust bereits vor dem ersten Ultraschall geschehen ist. Schon innerhalb weniger Wochen ist es nicht mehr möglich, den abgestorbenen Embryo im Mutterleib nachzuweisen.

Aus der Zwillingsforschung ist längst bekannt, dass Zwillinge lebenslänglich eine tiefe Bindung haben. Dass aber auch ein verlorener Zwilling weitreichende Auswirkungen auf das Leben eines Betroffenen haben kann, ist psychologisches Neuland. Zoe Nyffeler aus Zürich wäre eigentlich als ein Drilling auf die Welt gekommen. Die zwei toten Geschwister hinterließen ein tiefes Loch in ihrem Leben. "Ich war immer auf der Suche nach etwas, nach dem perfekten Zustand, nach totaler Symbiose", sagt die 54- Jährige. Heute, nach mehreren Trauma-Therapien, weiß sie: "Meine Partner fühlten sich von meinen Ansprüchen total überfordert." Und: "Kein Partner kann mir meine toten Geschwister ersetzen." Das Berliner Therapeutenpaar Alfred und Bettina Austermann bestätigt durch seine Erfahrungen mit überlebenden Zwillingen: "Erfüllende Liebesbeziehungen sind für den alleingeborenen Zwilling oft schwierig. Die einen vermeiden Nähe, um den alten Trennungsschmerz nicht wieder zu erleben, die anderen suchen mehr Innigkeit, als ein Partner zu geben vermag." Wer einen Zwilling im Mutterleib verloren habe, sei, so das Therapeutenpaar, jedoch nicht automatisch traumatisiert: "Die emotionalen Auswirkungen durch einen verloren gegangenen Zwilling können sehr schwerwiegend sein. Sie müssen aber nicht."

Von Schuldgefühlen geplagt

Die Zürcher Therapeutin Evelyne Steinemann kennt aus ihrer Praxis noch andere Verhaltensmuster überlebender Zwillinge: "Einige versuchen für beide zu leben, um unbewusst den anderen zu ersetzen. Sie arbeiten beispielsweise für zwei." Da der überlebende Zwilling bereits eine erste Todeserfahrung und einen schweren Abschied hinter sich hat, würden ihn unbewusst oft Schuldgefühle plagen. Fragen wie "Habe ich zu viel Platz eingenommen oder habe ich zu viel Nahrung für mich beansprucht, dass das Geschwisterchen sterben musste?" seien tief im Unterbewusstsein verankert.

Manche Betroffene würden zu starken Depressionen neigen oder hätten Todessehnsucht: "Sie wollen dem Geschwisterchen folgen, das heißt, auch zu sterben, um bei ihm zu sein", sagt Steinemann. Doch die Therapeutin will aus ihren Beobachtungen keine Theorien ableiten: "Weitergehende wissenschaftliche Untersuchungen sind dringend notwendig. Gerade im Hinblick auf die vermehrt in Anspruch genommene Reproduktionsmedizin." Da bei einer künstlichen Befruchtung häufig mehrere Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mehrlinge entwickeln – auch die Hormonbehandlung trägt ihren Teil dazu bei.

Der amerikanische Forscher David Chamberlain hat in Untersuchungen aus dem Jahr 1998 im Ultraschall beobachtet, dass bereits zwei Monate alte Embryos bewusst wahrnehmen und reagieren können. Fünf Wochen nach der Einnistung, wenn der Embryo eine gewisse Größe erreicht hat, spürt er die Gegenwart des anderen sehr genau. Das Ohr ist das erste, was ein werdender Mensch ausbildet. Der Zwilling hört als erstes seinen eigenen Blutkreislauf und den des anderen, noch bevor das Herz anfängt zu schlagen. Die Geräusche seines Geschwisters sind ihm näher als die Darmgeräusche und der Herzschlag der Mutter.

Später beginnt er mit dem anderen Kontakt aufzunehmen und mit ihm zu spielen. Manche sind zärtlich zueinander, andere boxen miteinander. "Die vorgeburtlichen Spiele werden auch nach der Geburt fortgesetzt", sagt Pränatalpsychologe Ludwig Janus. "Man kann sich vorstellen, dass es nicht ohne Folgen bleibt, wenn der Spielpartner plötzlich nicht mehr da ist. Das ist ein großer Verlust auf emotionaler Ebene." Dass einem Embryo Gefühle zugestanden werden, ist übrigens nicht selbstverständlich. Noch bis in die 70er Jahre herrschte in medizinischen Kreisen die Meinung vor, Neugeborene hätten keine Gefühle. Früher auch eine beliebte These: Babys haben keine Worte, also können sie nicht denken. "Insofern gibt es auch heute noch Wissenschaftler, die daran zweifeln, dass wir uns an das erinnern können, was wir vor dem Sprechen erfahren", sagt Ludwig Janus. "Ich aber bin überzeugt: es gibt eine vorsprachliche Erinnerung."

Hohes Geburtsfehler-Risiko

Weiter ist die Forschung auf dem Gebiet der möglichen physischen Komplikationen für den überlebenden Zwilling. Studien zeigen: Ein Zehntel aller Fälle von zerebraler Kinderlähmung lassen sich auf Geburtstraumen zurückführen. Der Mediziner Peter Pharoah und seine Forschergruppe an der Universität Liverpool fanden heraus: Verbunden mit anderen Formen der Hirnschädigung beträgt die Rate der neurologischen Behinderungen 20 Prozent. Je nachdem, wann das Trauma des sterbenden Zwillings sich ereignet, etwa bei der Bildung der Organe, können auch das Herz oder die Niere beeinträchtigt werden. Das Risiko, dass Betroffene mit einem angeborenen Herzfehler oder anderen Geburtsdefekten auf die Welt kommen, ist relativ hoch.

Wie es dazu kommt, dass nur einer von beiden Zwillingen überlebt, ist nicht eindeutig geklärt. Es gibt beispielsweise das Fetofetale Transfusionssyndrom (FFTS). Alle eineiigen, aber auch viele zweieiige Zwillinge teilen sich in der Plazenta dieselbe Blutversorgung. Beim FFTS zieht ein Zwilling dem anderen Blut ab und wächst besonders schnell. Vor einiger Zeit hätte das unter Umständen den Tod eines oder beider Kinder zur Folge gehabt. Heutzutage ist die Überlebensrate viel höher, weil sich die Früherkennung und die Möglichkeit einer Behandlung im Mutterleib enorm verbessert haben. Aus biologischer Sicht ist der vorgeburtliche Tod übrigens nichts Außergewöhnliches. Er ist, so die Annahme, das Ergebnis einer körpereigenen Qualitätskontrolle. Das heißt, der mütterliche Organismus prüft den Embryo auf genetische Anomalien. Dieser Prüfung fallen laut Schätzungen zwischen 50 bis 75 Prozent aller Schwangerschaften zum Opfer. Sie werden vorzeitig beendet, die Frau merkt meistens nichts davon.

Manchmal bleiben Spuren zurück

Wohin aber verschwindet der tote Zwilling? In manchen Fällen bleiben keine Spuren zurück – dann, wenn der abgestorbene Zwilling vom Körper der Mutter zersetzt und in den Körperkreislauf wieder aufgenommen wird oder wenn es zu einer unbemerkten Fehlgeburt mit geringen bis gar keinen Symptomen kommt. Wenn Spuren zurückbleiben, werden sie den Müttern meistens verschwiegen: Es gibt Föten, die wie versteinert im Mutterkuchen eingewachsen sind, so dass dann ein Kind lebend zur Welt kommt und kurz danach noch ein verhärteter Klumpen. Dann gibt es den so genannten "Fetus papyracaeus" - das ist der in der Schwangerschaft gestorbene Zwilling, dessen Körperwasser von der Mutter wieder aufgenommen wurde und der platt gedrückt, beinahe wie ein Blatt Papier, in der Gebärmutter liegt und bei der Geburt mit herauskommt. Manchmal enthält die Nachgeburt mehrere Plazenten – pro Mutterkuchen gab es mindestens ein Kind. In den Plazenten finden sich dann unter anderem Haar- oder andere Gewebespuren eines "Vanishing Twin".

Manchmal bleibt etwas vom verlorenen Zwilling in seiner Schwester oder in seinem Bruder zurück: Dann, wenn der überlebende Zwilling Spuren von embryonalem Gewebe in sich trägt. Oder wenn – was extrem selten vorkommt – sich ein Zwilling im Körper des anderen einnistet. Im Jahr 2003 wurde der Fall eines siebenjährigen Jungen aus Kasachstan bekannt, der wegen eines Tumors ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Doch die Ärzte stellten fest: Er trug den Fötus seines Zwillingsbruders im Bauch.

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